Sind wir die «Generation Beziehungs­unfähig»?

Wir können keine Langzeitbeziehungen führen, heisst es von allen Seiten. Tinder, Lovoo und Online-Dating hätten unsere Vorstellung von Liebe versaut. Ich sage: Was für ein Bullshit.

Wir sind die «Generation Beziehungsunfähig», tindern nur noch und suchen vor allem schnellen, unverbindlichen Sex – das wird unserer Generation zumindest oft vorgeworfen. Wahre Liebe? Angeblich ein Fremdwort für uns. Diese These mag für einige stimmen, Ausnahmen existieren trotzdem: Mein Freund und ich sind seit neun Jahren in einer festen Beziehung.

Ich will mich damit aber nicht auf ein Podest stellen – im Gegenteil: Die Phrase, eine Beziehung bedeute konstante Arbeit, kann ich nur bestätigen. Wenn wir erstmal über die Turteltäubchen-Phase hinweg sind und die rosarote Brille in Scherben auf dem Boden liegt, kommt es oft zu den ersten Kabbeleien. Das ist normal und wohl auch ein wichtiger Bestandteil jeder Beziehung, denn an erster Stelle sind wir immer noch Menschen und keine Liebesroboter, die glattgeschliffen und optimiert wurden.

Liebe kann nicht optimiert werden

Doch genau das ist ein grundlegendes Problem unserer Zeit: Alles soll optimiert ablaufen. Und so swipen wir unsere Daumen wund, immer auf der Suche nach einem besseren Match. Wenn ich noch einmal links wische, könnte mir ein noch passenderer Mensch über das Display huschen. Schneller, höher, weiter – was sich unsere Generation für den eigenen Lebensplan wünscht, funktioniert für das Herz eben nur bedingt. Und genau hier liegt der wunde Punkt der Generation Y.

Liebe kann nicht geplant werden. Sie lässt sich auch nicht in Boxen quetschen oder labeln. Bauchkribbeln, Herzrasen und die tiefe Verbundenheit, die sich meist erst nach einer gewissen Zeitspanne einstellt, sind organische Komponenten des besten Gefühls der Welt. Diese Eigenarten müssen sich natürlich entwickeln können, um spürbar zu werden. Das braucht Geduld, Vertrauen und sehr, sehr viel Ausdauer. Wieso zur Hölle beschwert ihr euch also, dass ihr nie die grosse Liebe findet, wenn ihr nach der ersten Krise Kleinholz aus eurer Beziehungskiste macht?

Auf den Wellen durch den Sturm reiten

Organisch an die Sache ranzugehen, bedeutet auch, dass man das Leben als Zyklus begreift. Genauso, wie euch nicht an jedem Tag die Sonne aus dem Arsch scheint, läufts auch mit dem Partner nicht immer perfekt. Versteht mich nicht falsch – natürlich muss man sein eigenes Oberstübchen anschalten und überlegen, ob die Person, mit der man sich das Bett, die Pizza und den Netflix-Account teilt, in den grundlegenden Punkten mit einem übereinstimmt. Solltet ihr aber lediglich darüber streiten, ob Toast in den Kühlschrank gehört oder in den Brotkasten, dann scheisst einfach drauf und zeigt Zähne. Beisst euch fest, wenn es euch das wert ist und segelt weiter.

Denn genau so verhalten sich Beziehungskisten – sie sind ein Wellenritt: Wenn ihr die erste Woge in eurem Liebesboot bezwungen habt, verzieht sich der Sturm. Die Wolken sind trotzdem Teil des Himmels und irgendwann prasselt der Regen auf euch ein. Vielleicht donnert es sogar. Und wenn ihr richtig turbulent unterwegs seid, so wie ich, dann schlägt der Blitz ein.

Generation Y kann nicht nur tindern

Unser Boot, mit dem wir ganze sieben Jahre durch die Weltgeschichte geschifft sind, ist irgendwann durch den Blitzeinschlag in Flammen aufgegangen und abgefackelt. Aufgegeben haben wir trotzdem nicht. In beschissen mühsamer Arbeit haben wir die Kleinteile wieder zusammengeflickt – ganze zwei Mal, um genau zu sein – und das einfach nur, weil die Gefühle stimmen, die Verbundenheit noch immer da ist und wir uns gegenseitig wachsen sehen wollen. Seite an Seite.

Die Generation Y mag sich unverbindlich und schnelllebig geben, aber in den meisten von uns schlummert ein kleiner Matrose, der auf seine grosse Kreuzfahrt wartet und jeden noch so düsteren Sturm in Kauf nehmen würde, wenn er dafür die Welt bereisen könnte. 


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75 Kommentare

real teacher vor 1 Jahr
Liebe kleine Schweizerlis, wisst ihr eigentlich was Dosenbach bedeutet? Das war OT? Ach was?
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Nitsirk vor 1 Jahr
Mein Job ist nicht vereinbar mit einer "normalen" Beziehung.Schichtdienst,Wochenende,Feiertage.Sex hatte ich schon seit 2 Jahren nicht mehr und ist bedeutungslos geworden.Einen Seelenpartner und echter Freund könnte dies ändern.Tinder,friendscout,parship hat nichts mit der Realität in der ich lebe und mir ist die freie Zeit,die Wenige,zu kostbar um aufm Natel rumzudatteln.Velo fahren,Reisen mit dem eigenen Bus,Familie,FrwundeWandern,Gleitschirmfliegen,Surfen,gutes Essen und Schlafen.Humor und Intelligenz.Wo bist Du,man(n)!?😉
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Antwort von ND vor 1 Jahr
Hier... aber meine T3 Bus habe ich verkauft... oder hast du einen?
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Madlene vor 1 Jahr
Ich habe eine Langzeit Beziehung mit meinen Vibratoren.Sind mit treu und sind jederzeit bereit michh zum Orgasmus zu bringen.
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