Ich esse heimlich Fleisch

Unser Autor isst bereits sein halbes Leben vegetarisch. Kürzlich hatte er diverse Rückfälle. Er erzählt wieso.

Vor rund 14 Jahren entschied ich mich, weder Fleisch noch Fisch zu essen. Und bis im vergangenen Sommer tat ich das auch. Die einzigen zwei Ausnahmen geschahen auf Reisen, als mich Menschen zum Abendessen einluden, mit denen ich mich mit Zeichensprache gerade so knapp unterhalten konnte. Das empfand ich als okay, gerade weil ich die Gastfreundschaft nicht ausschlagen konnte – auch wenn mir beim ziemlich frisch geschlachteten Lammfleisch ein bisschen übel wurde. Nicht nur aus ethischer Sicht, sondern wortwörtlich.

Alkohol vs. Moral

Und dann kam ein durchschnittlicher Sommerabend: Konzert, Party, auf dem Nachhauseweg noch beim Fast-Food-Laden vorbei. Üblicherweise gönne ich mir zu der Zeit noch einen Falafel. Aber aus Gründen, die ich immer noch nicht ganz nachvollziehen kann, hatte ich urplötzlich unendlich Bock auf einen Döner. Und – besoffen wie ich war – besorgte ich mir zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt wieder Fleisch ab Spiess.

Meinem betrunkenen Ich war wohl egal, dass die Hälfte der Weltlandfläche für Tierhaltung genutzt wird und diese mehr als doppelt bis vier Mal so viel Treibhausgase produziert wie der gesamte Verkehr weltweit. Oder dass man alleine mit dem Mastfutter für Zuchtrinder (hauptsächlich Getreide) eine halbe Milliarde Menschen mehr ernähren könnte. Die ganze Moral rund ums Tierleid beschäftigte mich ehrlich gesagt seit jeher nur nebensächlich, auch wenn all die glücklichen Rinder in der Werbung aller Detailhändler so Fake sind wie ein durchschnittlicher Trump-Tweet.  

Schamgefühle ohne Ende

Ich liess mir den Döner einpacken und joggte fast schon nach Hause, weil ich Angst hatte, ich würde einem Bekannten über den Weg laufen. Mir war selten etwas so peinlich in meinem Leben wie dieser «Rückfall». Schliesslich wusste ich ja, wie übel einem der Fleischkonsum zurichtet – nicht nur ethisch, sondern auch gesundheitlich: Krebs, Rheuma, Fettleber, Herz-Kreislauferkrankungen … you name it. Aber das Problem: Der Döner fühlte sich eben doch gut an. Viel zu gut.

Nach dem Essen fühlte ich mich aber miserabel. Einerseits kam mein Magen nicht damit klar, andererseits erinnerte ich mich an die Gründe, weswegen ich das Zeugs von meiner Speisekarte gestrichen hatte. Ich googelte und fand heraus, dass ich mit dem Ausrutscher angeblich nicht alleine da: Über ein Drittel der Vegetarier würde betrunken die eigenen Ideale über den Haufen werfen – so eine Umfrage eines britischen Coupon-Unternehmens. «Wenn es die anderen tun, kanns ja gar nicht so schlimm sein», denke ich mir kurz. Aber die Einstellung öffnet auch Tür und Tor für Faschismus.

Niemand wusste etwas

Dennoch blieb die Lust auf Döner da. Ich wechselte meinen Stamm-Fastfood-Laden zu einem, der etwas weiter weg von den WGs meiner Freunde liegt und gönnte mir alle Woche wieder einen «Ausrutscher». Ich erzählte niemandem davon: Weder den Arbeitskollegen, noch der Freundin, noch den Eltern. Als in meiner neuen Stammbude plötzlich ein Kumpel reinlief, während ich beim Bestellen war («das Übliche»), entschuldigte ich mich beim Inhaber – ich hätte urplötzlich doch mehr Bock auf eine Pizza statt auf ein «Fladenbrot». Gut gerettet.

Auch nach dem sechsten oder siebten Mal Fleischessen fühlte ich mich noch wie ein Verbrecher. Oder als ob ich meine Partnerin betrügen würde. «Alles, was gegen den Glauben oder das Gewissen geschieht, ist Sünde», sagte einst Thomas von Aquin, ein Heiliger der katholischen Kirche. Nicht dass ich das Konzept «Sünde» auch nur ansatzweise für gesund oder intelligent halten würde – aber wo der Typ recht hat, da hat er recht.

Lieber Eisenkapseln als Fleisch

Um mir wieder ein reines Gewissen zu schaffen, begann ich wieder Mal die Konsequenzen unseres Fleischkonsums zu recherchieren. «Tiere Essen», ein Buch des amerikanischen Autors Jonathan Safran Foer, ist eines der ausführlichsten Werke zum Thema, das aufgrund der enormen Intransparenz der Fleischindustrie leider schwierig zu durchleuchten ist. Nachdem ich – wie beim ersten Mal lesen – alle Statistiken, Nebenwirkungen und Antibiotika aus dem Buch zweimal im Netz nachgecheckt hatte, musste ich mich beinahe übergeben.

Seither habe ich kein Stück Fleisch mehr angerührt. Aber dafür nehme ich jetzt Nahrungsergänzungsmittel. Und ich fühle mich tausend Mal wohler in meiner Haut.


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148 Kommentare

Hans vor 4 Monate
Trinkt Alkohol und macht sich dann Sorgen, dass das Fleisch im ausnahmsweise verzehrten Döner gesundheitsschädigend sein könnte. Sorry, aber medizinisch ist das Blödsinn. Nicht, dass ich jetzt übertriebenen Fleischkonsum als gesund darstellen will. Aber Alk ist nunmal giftig. Fleisch ist da im Vergleich äusserst gesund. Wichtig finde ich, dass man auf den Körper hört. Wer Heisshunger auf ein Nahrungsmittel hat, das man sonst verschmäht, heisst das häufig, dass man eine Mangelernähung/Fehlernähung hat.
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Mach wat wotsch vor 4 Monate
Macht sich sorgen um seine Gesundheit und besauft sich dann so stark das ihm das urplötzlich egal ist. Da ja Alkohol sehr gesund ist kann ich das nachvollziehen 😉
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Peach vor 4 Monate
Bob Marley hat manchmal heimlich nicht gekifft 😉 Nein ehrlich, ich kann Deine gedanken machvollziehen. Siehs als Erfahrung & sei es bitzli stolz auf dich, dass Du wieder aufgehört hast. Und am besten hörst du auch mit dem alkohol auf, unsere tolleranz zum „genussmittel‘ macht mir mehr sorgen, als der fleischkonsum.
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Lotti Karotti vor 4 Monate
Ich esse auch manchmal heimlich Gemüse
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