Wie ich lernte, den Ballermann zu hasslieben

Nach einer Woche voll Sommersonne, Sauftouristen, Schlagersängern und persönlicher Grenzerfahrungen verlassen unsere Teammates die Partyinsel mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Der Ballermann ist zweifelsohne ein ganz eigener Mikrokosmos. Tausende und abertausende Feierwütige aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – und überraschenderweise auch relativ viele Franzosen – verbringen tatsächlich gerne ihre Ferien hier um Bier zu saufen, sich von der Hitze durchbraten und von willigen (und manchmal vielleicht auch billigen) Urlaubsflirts durchvögeln zu lassen.

Erst gegen Ende unseres Aufenthaltes auf der Baleareninsel taut mein kaltes Herz langsam auf und ich beginne, die Schrullen und Eigenheiten der vorwiegend deutschsprachigen Feiertouristenschar irgendwie gern zu haben. So irritierend und nervig für mich das ständige Gegröle anfangs auch gewesen sein mag, umso eher kann ich mittlerweile – zumindest ansatzweise – nachvollziehen, was Leute ohne Sozialphobie, Depressionen und Übergewicht dem bunten Treiben hier abgewinnen können.

Eine faszinierende, notgeile Subkultur

Allen Vorurteilen und Klischees (die sich bestätigt haben) zum Trotz muss ich zugeben: Der Ballermann und seine Touris sind harmlos und friedlich. Wie eine grosse, notgeile Familie mit konstant hohem Alkoholpegel. Um hier ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich bin immer noch kein Fan und würde eine Woche Alaska einer Woche Malle jederzeit vorziehen. Es ist einfach nur so, dass sich mir langsam aber sicher erschliesst, was für viele an diesem Fleckchen Erde so anziehend wirkt.

Und wie das eben so ist, wenn sich Gleichgesinnte zusammenrotten, entstehen auch Subkulturen. Und die ballermannsche Subkultur ist eine der faszinierendsten, die mir bisher untergekommen sind. Bestes Beispiel hierbei ist die Musik. Diese Mischung aus Schlager, Chilbi-Techno, Bierzeltchor und mal mehr, mal weniger explizitem Sexismus könnte an keinem anderen Ort so funktionieren, wie es hier der Fall ist.

Der Ballermann ist ein bisschen wie Björk

Und ich muss zu meiner Schande gestehen: Je länger man den musikalischen Ergüssen von Mia Julia, Ikke Hüftgold und wie sie alle heissen ausgesetzt ist, umso mehr lernt man Songs mit Namen wie „Dicke Titten, Kartoffelsalat“, „Scheiss auf Schickimicki“ oder auch einfach nur „Johnny Däpp“ zu schätzen und lieben. Ist ein bisschen wie mit Björk. Es dauert etwas, bis man sie verstanden hat – aber dann kommt man nicht mehr so schnell los.

Und sollte man doch irgendwann beginnen, sich um seine letzten Hirnzellen zu sorgen, ist man (solange man einen Mietwagen hat) ziemlich schnell an ziemlich tollen Orten, die von komasaufenden Schlagerfans mindestens so weit entfernt sind, wie Marilyn Manson vom Pontifikat. Himmel und Hölle in unmittelbarer Nachbarschaft – ich kenne wenige andere Orte, die dermassen kontrastreich sind wie Mallorca.

Mit Selbstüberwindung ins  Abenteuer

Eine ereignisreiche Woche geht zu Ende, bei der sich rückblickend abzeichnet, dass Klischees zwar nicht ohne Grund entstehen und Vorurteile sich gern auch mal bestätigen lassen – man aber mit Aufgeschlossenheit, Abenteuerlust und ein bisschen Selbstüberwindung aus jeder Situation etwas rausholen kann. Selbst wenn es nur ein paar dumme Fotos von einem noch dümmeren knallgelben Outfit sind. So als Erinnerung und als Beweis. Glaubt einem ja sonst niemand.

Bye, Ballermann! Auf Wiedersehen, Mallorca!


Kommentar schreiben

27 Kommentare

Schmidi vor 25 Tagen
Der Ballermann ist MEGA. Gute Freunde, 5TAGE, 4Nächte, 3 Promille, 2 Sterne, 1 Ziel, wir saufen uns in den Ruin!!! Obwohl so viel gesoffen wird, ist es extrem friedlich. Alle sind Freunde und man lern extrem viele Leute kennen. Primitiv aber geil. Man kann einfach das Hirn mal abstellen, Vodka/Fanta in die Birne pfeiffen. Gröhlen, baggern, knutschen und danach wieder von vorn. Nicht zu lange und auch nur einmal im Jahr, dafür richtig!!!
13
12
Antwort
Pit vor 25 Tagen
Dank den Berichten hier, hab ich mir gleich für Morgen einen Flug gebucht und überzeuge mich selber von der Insel. Ballermann und Magaluf ich komme.
14
5
Antwort
Nigel vor 26 Tagen
So ganz nebenbei erwähnt, es gibt auch noch andere Orte Au Mallorca, nicht nur den ballermann
43
5
Antwort
Perlentaucher vor 26 Tagen
Pearl soll uns mal ihre Perlen zeigen!
75
23
Antwort
Soll Spotify Nazi-Musik sperren?

Soll Spotify Nazi-Musik sperren?

Er pisst Insta-Fitness-Stars ans Bein

Er pisst Insta-Fitness-Stars ans Bein

Würdest du diese Pille schlucken?

Würdest du diese Pille schlucken?

Diese App vereinfacht das Cyber-Mobbing

Diese App vereinfacht das Cyber-Mobbing