Was mich das Reisen alleine gelehrt hat

Die meisten Schweizerinnen und Schweizer fahren am liebsten in Gruppen in die Ferien. Unser Redaktor erzählt, wieso es für ihn viel aufregender ist, alleine zu verreisen.

Ich verreise gerne und häufig. Ich war bereits mit organisierten Reisegruppen, dauerbetrunkenen Interrail-Kollektiven, der Freundin und den besten Kollegen aus der Schulzeit auf Reisen. Alles schön und gut. Aber: Ohne Anhang die Welt zu erkunden ist für mich mit Abstand der beste Weg, um abgefahrene Ferien zu verbringen.

Üblicherweise verbringen wir Schweizerinnen und Schweizer unsere Ferien ungern alleine. Der Schweizerische Reisebüro-Verband schätzt den Anteil der Solo-Reisenden auf gerade mal 15 Prozent. Auch beim Tourismusunternehmen TUI Suisse bucht eine Minderheit eine Reise allein. Und das alleine bedeutet noch nicht, auch den Urlaub wirklich alleine zu verbringen. Einzelbucher schliessen sich häufig einer Gruppenreise an, teilt uns TUI mit. So richtig alleine im Ausland – das sei für wenige Menschen eine Option.

Gib dir die Welt

Meine erste längere Reise ohne Begleitung ging nach Israel. Für drei Monate. Und als ich zuhause auf der Couch nach mehrtägigem Hin und Her den Flug buchte, überkam mich zuerst ein riesiges Gefühl der Angst. Wie zur Hölle soll ich das überleben – ganz alleine, so weit weg von meinem Bett?

Das Gefühl hielt auch noch an, als ich bereits den dritten Tag im gelobten Land war. Bei einem einsamen Spaziergang in Betlehem überkam mich – damals war ich noch nicht vom Daily Business der Medienbranche desensibilisiert für Krisengebiete – ziemlich viel Trauer beim Anblick der hohen israelischen Sperranlagen. Klar, unabhängig von der politischen Geschichte gehört dieses Gefühl wohl dazu, wenn man sich als junger Mensch aus Westeuropa andere Ecken der Welt ansieht.

Betonmauern und brüchige Sprachkenntnisse

Wenn du das mit Freunden tust, hast du aber immerhin stets ein bisschen Zuhause dabei. Du kannst dich bei jemandem ausheulen oder dich in die eigene heile Welt retten, in dem du etwa Gesprächen darüber führst, wer in eurem Freundeskreis bereits mit wem in der Kiste war.

Alleine musst du dich aber mit brüchigen Sprachkenntnissen mit Einheimischen über Gott, die Welt und die meterhohen Betonmauern vor dir unterhalten. Oder du bist mit deinen Gedanken alleine. Das ist zwar anstrengend, aber auch lehrreich. Und es ist wohl auch ein Grund, weshalb so viele Menschen nach der Schule oder der Lehre erstmal auf Weltreise sich selbst suchen und die Verkaufszahlen von Paolo-Coelho-Büchern in die Höhe treiben.

Du kannst dich schwer verstecken

Wenn du alleine bist, kommst du gar nicht drum herum, mit anderen Menschen zu reden. Du kannst dich auch nicht hinter den Sprachskills deiner Freunde verstecken, die besser französisch sprechen. Und du kannst nicht mit jemandem über die Leute sprechen, deren Tee, Drogen oder Gastfreundschaft du gerade geniesst. Sondern du musst mit ihnen sprechen. Oder besser gesagt: Du wirst es garantiert häufiger tun, als wenn du mit deiner BFF rumhängst.

Mach das, worauf du Bock hast

Als ich mit einer Gruppe von Freunden in Amsterdam war, verbrachten wir viel zu viel Zeit damit, auf der Strasse rumzustehen und uns mit der ältesten Frage der Welt rumzuschlagen: Was tun? Der eine Kumpel wollte berühmte Coffeeshops abklappern, der andere ein paar besonders schräg stehende Häuser besuchen und ein dritter wollte dauernd ins Rotlichtviertel. Schlussendlich endet das immer darin, dass mindestens einer der Gruppe genervt ist und man weniger zu sehen kriegt, als man eigentlich hätte sehen wollen.

Hast du keine Mitreisenden, sparst du dir diese Diskussion. Und du musst auch nicht aus Angst vor doofen Gerüchten oder abschätzigen Kommentaren aus dem Umfeld darauf verzichten, absurde Fetischpartys in Berlin zu besuchen oder Drogenpilze konsumieren. Anything goes, wenn du alleine bist.


Kommentar schreiben

30 Kommentare

Andrej vor 5 Monate
Schliesse mich allen VorrednerInnen an. Bin mittlerweile - im wortwörtlichen Sinne - ein er-fahrener Alleinreisender. Auf mittlerweile einigen Roadtrips bin ich durch Zentraleuropa, Skandinavien, Osteuropa, Russland und bis gar in die Mongolei gefahren. Während fast allen meinen Autoreisen war ich alleine unterwegs. Ich fing erst spät an, alleine zu reisen, mit 23 oder so, aber heute präferiere ich diese Art des Unterwegsseins. Einfach war es nie, aber die Momente der Einsamkeit waren selten. Schön war es jedes Mal, und ich hatte ganz ehrlich selten das Bedürfnis, meine Erlebnisse mit jemandem zusammen zu erleben. Stattdessen mache ich gerne aussergewöhnliche Fotos, führe Tagebuch, und erzähle gerne ganz klassisch die Geschichten, die ich erlebt habe. Mir ist es recht, wenn die Herdentiere unter sich bleiben wollen - ganz ehrlich deute ich permanentes In-Gruppen-mit-Freunden-Reisen als ein Zeichen charakterlicher Schwäche. Welch langweiliges Leben solche Menschen wohl führen.
2
2
Antwort
Antwort von Stephan Rast vor 5 Monate
egal wohin die reise geht, überall trifft man (frau) gleichgesinnte.
0
0
Antwort
Mike vor 5 Monate
Ich reise sehr gerne alleine. Bin bereits vier mal für jeweils 3 Monate mit dem Mietauto durch die USA gereist. Von West-Coast nach East-Coast und wieder zurück. Und ich habe so viele Situationen erlebt, gute und weniger gute, interessante und auch gefährliche; ich möchte sie alle nicht missen. Es hat mich gestärkt und ich weiss nun, dass ich vieles alleine bestehen kann. Wenn ich mit Freunden diese Reisen gemacht hätte, dann bin ich mir sicher, dass ich einiges nie erlebt hätte, weil ich sie dazu wohl nie hätte motivieren können (z.B. eine Durchquerung des Grand Canyon mit ganzer Campingausrüstung bei über 30 Grad im Schatten). Ich gehe seit 10 Jahren nur noch alleine in die Ferien und habe es nie bereut.
9
3
Antwort
Aura vor 5 Monate
Ich reise auch gern allein. Man kann sich aber die Diskussion auch mit der Gruppe sparen: macht einfach alle, was ihr mögt, und trefft euch dann abends. Dann gibt's auch spannende Geschichten zu hören 😃
34
2
Antwort
Für die «grosse Liebe» gehen Minderjährige anschaffen

Für die «grosse Liebe» gehen Minderjährige anschaffen

Arielle gibt sich freizügig

Arielle gibt sich freizügig

Würdest du der Polizei dein Passwort verraten?

Würdest du der Polizei dein Passwort verraten?

Leute wollen mit dem IT-Clown schlafen

Leute wollen mit dem IT-Clown schlafen