Sie reist seit einem Jahr kostenlos um die Welt

Jacqui hat eine massive Angststörung, durch die sie ihr Haus nur selten verlassen kann. Die Welt will sie trotzdem erkunden – und klickt sich deshalb mit Google Street View durch den Globus.

Jacqui Kenny hat bereits die halbe Welt bereist: Einsame Spielplätze in Peru, kalte Wohnklötze in Russland und wilde Kamele in Sanddünen hat sie schon gesehen – ohne je einen Fuss vor ihre Tür gesetzt zu haben. Die 43-Jährige leidet nämlich an Agoraphobie, einer Störung, die es ihr schwer macht, das Haus zu verlassen. Um sich den Wunsch einer Weltreise trotzdem zu erfüllen, erkundet sie den Globus durch die Street-View-Funktion von Google Maps. Die Bilder, die sie von diesen scheinbar unberührten Orten macht, postet Jacqui auf ihrem Instagram-Account namens «streetview.portraits».

Die Angst begleitet die Neuseeländerin nun schon seit über 20 Jahren. Ihre erste Panikattacke hatte sie in einem Flugzeug voller Menschen. Manchmal sei ihre Phobie so schlimm, dass sie nicht es nicht einmal schaffe, den Supermarkt um die Ecke zu besuchen, wie sie im Interview mit «National Geographic» sagt. «Agoraphobia kann dein Leben auf so viele Arten einschränken. Es ist wirklich schwer, damit zu leben.» Durch die Schliessung eines Geschäftes, das sie mitbegründet hatte, wurde die Panik schlimmer und schlimmer. In ihrem Zuhause gefangen, suchte Jacqui nach einem «kreativen Ventil», wie sie sagt – und fand es darin, Screenshots abgelegener Orte zu machen.

Sie machte mehr als 27'000 Bilder

«Es hat eine Weile gedauert bis ich meinen wahren Stil fand. Mir hilft dieses Projekt jedoch in vielerlei Hinsicht», erklärt die in London lebende Jacqui. «Ich kann mich auf kreative Weise ausdrücken und mich dadurch auf das Positive in meinem Leben konzentrieren.» Ausserdem habe ihr Projekt auch andere Agoraphobiker angezogen, mit denen sie sich nun austauschen könne. «Es ist wundervoll, sich durch die Fotografie verbinden zu können. Diese Krankheit kann sehr isolierend sein, deshalb macht es mich am glücklichsten, wenn ich mit Menschen reden kann, die dasselbe durchmachen.»

Mittlerweile, 27'000 Screenshots später, erreicht sie mit ihren träumerischen Fotos rund 72'000 Abonnenten auf ihrem Instagram-Account und bekam ausserdem die Möglichkeit zu einer Solo-Ausstellung ihrer Bilder in New York: «Das war so unglaublich anstrengend, aber ich bin so glücklich, dass ich es gemacht habe. Ich werde meine Ängste weiter herausfordern, egal wie unwohl sie mich fühlen lassen.»


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4 Kommentare

vor 1 Monat
Ich dachte ab der Überschrift erst sie reisst gratis weil sie sich verkauft haha. So wie sie es macht geht es natürlich auch.
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Eri K. vor 1 Monat
Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass hier nur die Konfrontation hilft und das immer und immer wieder. Mit jedem Mal, wird die Angst kleiner... Sie wird evtl. nie ganz weg gehen, aber man kann gut damit leben. Nur je weiter man sich verkriecht, desto schlimmer wird es. Bin gerade von einem Ein-Monatigen USA Trip zurück... es macht einen Stolz und man freut sich auf neue Herausforderungen.
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Kubi vor 1 Monat
Das hatte ich auch... was half: Dich nach draussen zwingen, auch mal im Bus bleiben auch wenn dir der Schweiss runterläuft. Einfach machen auch wenn du denkst es geht nicht. Heute bin kenne ich dieses Gefühl praktisch nicht mehr!
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Antwort von Peter vor 1 Monat
Die Beste "Medizin" ist sich der Angst zustellen. Wo die Angst ist, ist der Weg.
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