Mir ist egal, dass meine Mutter tot ist

Unser Autor wurde als Baby adoptiert. Kontakt zu seiner leiblichen Familie möchte er keinen. 



Vor einigen Monaten lag ein bedrohlich aussehender Umschlag in meinem Postkasten. Absender: Eine Behörde eines osteuropäischen Landes. Lange Zeit hatte hatte ich Angst vor diesem Brief. Der Entscheidung, die er mit sich bringt. Jetzt bin ich bin Ende zwanzig und der Moment, in dem ich das Schreiben in den Händen hielt, war ziemlich ernüchternd. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, er sei mir gleichgültig gewesen. Aber der erwartete Zusammenbruch blieb aus.

Vielleicht bin ich ein Ostblock-Hurensohn?

Ich war gerade ein paar Monate auf der Welt, und meine Mama und mein Papa haben mich damals aus einem Land, das zu der Zeit noch hinter dem Eisernen Vorhang vom Rest der Welt isoliert war, zu sich geholt und ganz offiziell adoptiert. Mit allen Rechten und Pflichten und Pi-Pa-Po. Schon relativ bald – ich war noch im Kindergarten – wusste ich darüber Bescheid, meine Eltern haben es mir ruhig erklärt und ich wusste: Das hier ist meine Familie, hier bin ich zuhause. No big deal, whatsoever.

All die Jahre habe ich nicht weiter darüber nachgedacht. Warum auch? Ich hatte die beste Kindheit, die man sich nur vorstellen kann. Als verwöhntes Balg in einer relativ wohlhabenden, österreichischen Familie aufzuwachsen, schlägt ein höchstwahrscheinlich ziemlich tristes Leben als Ostblock-Kiddo wohl um Längen. Diese Leute werden schon einen Grund gehabt haben, mich wegzugeben. Hey, vielleicht bin ich sogar ein echter Hurensohn!

Antrag zur Kontaktaufnahme

Das ganze Adoptions-Dings war also nie ein Thema, das mich in meiner Jugend ständig begleitet oder grossartig belastet hat. Okay, als ich in dieses Alter kam, in dem man sich von einem braven Musterknaben in ein wildgewordenes Pubertätsmonster verwandelt, fiel mir in meinem Wahn bei Streits mit Mama ab und zu nichts Schlaueres ein, als: «Ihr habt mir gar nichts zu sagen, ihr seid nicht meine richtigen Eltern!». Abgesehen von verbalen Tiefschlägen wie diesem, gab es keinen Moment, in dem ich mich nicht wie das Kind der Menschen gefühlt habe, die mich als ihr eigenes aufgezogen hatten.

Bis eben zu dem Tag, als der beschissene Brief ankam. Meine Eltern hatten mich schon vor Jahren informiert: Nach meiner Volljährigkeit habe ich ganz offiziell von Gesetzeswegen her die Möglichkeit, Antrag zur Kontaktaufnahme zu meinen leiblichen Verwandten zu stellen. Genauso auch umgekehrt. Da ich selbst nie mit dem Gedanken gespielt hatte, diese Option auszunutzen, bestand eben noch die Gefahr, dass jemand an mich herantreten würde. Und genau das ist jetzt passiert.

Mitleid statt Gleichgültigkeit

Meine Schwester – haha, ich habe plötzlich eine ältere Schwester! – teilt mir mit, dass unsere gemeinsame leibliche Mutter gestorben sei. Sie fand, ich solle das wissen. Okay cool. Danke für die Info. Ich weiss nicht so recht, was ich von meiner eigenen Reaktion auf den Inhalt des Briefes erwartet hatte. Aber ganz bestimmt nicht das, was ich jetzt fühle. 

Gleichgültigkeit ist es nicht. Eher Mitleid. Mitleid mit dieser fremden Person, die gerade ihre Mutter verloren hat. Die aber ganz bestimmt niemals meine Mutter gewesen ist. Weil meine Mama, die einzige die ich habe, lebt in einem hübschen Haus in Österreich und arrangiert wohl gerade die Zierkissen auf der Wohnzimmercouch neu.

Gibts wenigstens Kohle?

Was auch immer sich die junge Frau, die durch den selben Muttermund auf die Welt gepresst wurde, wie ich, als Antwort erhofft hat – ich muss sie wohl enttäuschen. Weil: Es interessiert mich einfach nicht. Die briefeschreibende Schwester interessiert mich nicht, die tote Mutter interessiert mich ehrlich gesagt noch weniger. Die einzige Frage, die ich vielleicht stellen würde, ist die nach einem eventuellen Erbe. Aber so pietätlos bin ich dann auch wieder nicht. Und wer weiss – vielleicht kommt ja demnächst noch ein weiterer Brief. Vom Notar oder so.


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91 Kommentare

Ueli vor 20 Tagen
Der Autor kriegt kein Mitleid von mir. Dem geht's ja gut, er hat ja Leute die sich um ihn kümmern und missbraucht wurde er auch nicht. Voll das Glück hat der Junge, verglichen zu anderen.
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Andy vor 26 Tagen
Dieser verwöhnte Balg gehört sofort sterilisiert.Diese Frechtheit darf nicht weiter verbreitet werden.
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Uof vor 27 Tagen
Militärdienst für Frau und Mann in der Schweiz!!
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Antwort
Mandisa T. vor 28 Tagen
Mir wollte man das Kind ( jung, alleinerziehend) auch wegnehmen. Es war darum auch eine Zeitlang in einer Pflegefamilie. Die haben ihm dann erzählt, dass ich eine unfähige Mutter sei und mich nicht kümmern wolle. Facts ist: Ich liebe mein Kind und habe mich immer gut gekümmert. Heute ist es froh, dann doc bei mir aufgewachsen zu sein. Urteilt nicht über Eltern, von denen ihr nicht die Wahrheit wisst. Vielleicht wurdest Di schweren Herzens weggegeben, weil sie wollten dass Du s gut hast.
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