Diese Kunst tritt man mit Füssen

Fünf Wochen lang schicken wir unsere Praktikantin durch die Schweiz. Ihre Mission: Sie wird die unterschiedlichsten und spannendsten Lehrstellen testen. Diese Woche übt sie sich als Pflästerin.

Wenn man durch die Altstädte in Aarau, Zürich, Bern oder Basel läuft, fällt auf: Der Boden ist nicht einfach schwarz geteert, sondern liebevoll mit Pflastersteinen belegt. Diese Arbeit wird von den sogenannten Pflästerern und Pflästerinnen seit Jahrhunderten ausgeführt. Und genau diese Arbeit möchte ich heute genauer kennenlernen.

In den vergangenen Wochen durfte ich schon allerlei Berufe ausüben: Als Metzgerin Kalbsschultern zerschneiden, als Uhrmacherin das Innenleben einer Swatch auseinandernehmen, beim Küfer ein Fass wie vor hundert Jahren bauen oder als Büchsenmacherin ein Maschinengewehr komplett zerlegen. Und jetzt geht es also auf die Strasse für mich – Steine klopfen, versteht sich.

Ab auf die Baustelle und sofort an die Arbeit

Es ist gerade mal acht Uhr morgens, als ich auf der Baustelle in Schübelbach im Kanton Schwyz ankomme. Die Firma Ammann und Coduri AG nimmt mich heute unter ihre Fittiche, beziehungsweise einer ihrer Angestellten: Hüppin. Er ist bei meiner Ankunft gerade dabei, den Vorplatz eines Hauses zu gestalten. Für die hundert Quadratmeter benötigt der erfahrene Pflästerer etwas mehr als eine Woche.

Hüppin begrüsst mich mit einem festen Händedruck. Obwohl er stets Schutzhandschuhe trägt, fühlt sich seine Hand rau an. Er redet nicht lange, sondern drückt mir sofort einen breiten Hammer in die Hand und erklärt mir, was zu tun ist: „Damit du einen schönen Bogen mit deinen Steinen formst, orientierst du dich am besten an den bereits gespannten Schnüren, damit alle Pflastersteine gleich hoch werden. Dann arbeitest du dich von Aussen nach Innen.“ Ich soll mit den grossen Steinen beginnen und nach innen immer kleiner werden, dann ergibt sich die Kurve wie von selbst.

Die sehen doch alle gleich aus – oder doch nicht?

Leichter gesagt als getan. Die Pflastersteine sehen für mich alle gleich aus. Ich drehe und wende sie minutenlang. In der Zwischenzeit ist Hüppin bereits bei seiner dritten Reihe angelangt. Ohne wirklich hinzuschauen, greift er auf anhin den richtigen quadratischen Brocken. Während ich noch immer nach dem richtigen Stein für meine Lücke suche. „Es ist eben nicht einfach, Steine zu klopfen“, meint Hüppin grinsend. Erst mit den Jahren entwickelt man ein gutes Auge und wird schnell – daher dauert die Lehre auch ganze drei Jahre.

Nach drei Stunden in sitzender Position schmerzen meine Knie und meine Arme werden richtig müde. Roman Feusi, Geschäftsführer der Firma und selbst Pflästerer mit Leib und Seele, kennt meine Beschwerden. «Wenn du auf der Baustelle arbeitest, ist es besonders wichtig, Sport zu treiben, um die Muskeln zu stärken», erklärt er mir. Ansonsten macht der Körper das nicht lange mit.

Kunst, die man mit Füssen tritt

Auch wenn der Beruf streng ist und man deswegen ein paar extra Stunden im Fitnesscenter verbringen sollte, er hat auch viele positive Seiten. Im Vergleich zu anderen Lehrstellen verdient man in Strassenbauberufen besonders viel: Im ersten Jahr 870 Franken und im dritten bereits 1750 Franken. Auch die lange Winterpause lockt, wenn man in den kalten Jahreszeiten lieber Skifahren geht oder vor dem Kamin kuschelt. Zu guter Letzt kann man sich als Pflästerer gestalterisch austoben und am Ende seine Arbeit tagtäglich auf der Strasse bewundern. Und der Beruf wird nicht verschwinden, denn schliesslich werden wir immer Strassen brauchen.


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9 Kommentare

S.I. vor 27 Tagen
Ich hoffe, die Nörgler hier ziehen niemanden runter. Meiner Meinung nach ist es zu begrüssen, dass Berufen, die vielen Leuten (und auch insbesobdere junge Leuten, die eine Lehrstelle suchen) kaum ein Begriff sind, etwas mehr Aufmerksamkeit zukommt. Denn der Artikel liegt richtig, wenn er anmerkt, dass den Strassenbauern und Pflästerern die Arbeit nicht ausgehen wird. Bitte mehr davon!
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Werner vor 27 Tagen
Pflästerer ist ein harter Beruf, aber man sieht auch nach Jahrzehnten noch was man geleistet hat. Ich kann nach 45 Jahren noch arbeiten besichtigen die mein Vater und ich gemacht haben. Schön das es noch Leute gibt die das Lernen wollen.
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Eisenhans vor 27 Tagen
Die meisten Plattenleger haben mit 55-60 künstliche Hüften.Ein job ,denn Mann nicht bis 65 ausüben kann.
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Oli vor 27 Tagen
Es wird seit mehr als 50 Jahren keine Strassen mehr "geteert"! Das schwarze auf den Strassen ist Asphalt...
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